Lerne ich das eigentlich nie?!

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Don Lucio
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Lerne ich das eigentlich nie?!

von Don Lucio » 22.04.2016, 18:10

Seit gut 4 Jahren mühe ich mich ab, Gitarre zu lernen (Westerngitarre). Hab so einigermassen das Melodie-Spiel drauf, auch die gebräuchlichsten Akkorde und Schlagmuster.

Mein aktuelles Problem ist nun das Fingerpicking, auch Zupfen oder Fingerstyle genannt. Es ist imho die schönste, melodischste und gefühlvollste Art Gitarre zu spielen (aber das ist Geschmacksache). Also hab ich mal gegoogelt auf der Suche nach einführenden Lernvideos. Youtube bietet da eine Menge, auch Verwirrendes. Letztlich bin ich auf das "Travis-Picking" gestoßen, was offenbar so eine Art Standard-System für alle möglichen Zupfmuster darstellt (korrigiert mich, wenn ich das falsch verstanden habe). Und es finden sich natürlich auch Videos mit dem Anspruch "gaaanz leicht, ich zeig dir das mal in kleinen Schritten."

Ja, scheint wirklich nicht schwer zu sein. Für den Anfang genügt diese Regel: Daumen auf der Bass-Saite, Zeigefinger und Mittelfinger zupfen jeweils eine der Diskant-Saiten (der dritte Finger kommt erst später).

Wir machen mal eine gaaaanz einfache Übung:
D(D0) - Z(b0) - M(e0) (soll heißen: Daumen zupft D-Saite(offen), Zeigefinger zupft b-Saite(offen), Mittelfinger die e-Saite(offen).

und jetzt weiter: Z und M zupfen weiterhin unverändert die b- bzw. e-Saite, nur der Daumen wechselt:
D(D2) - Z(b0) - M(e0)
D(D3) - Z(b0) - M(e0)
und wieder zurück:
D(D2) - Z(b0) - M(e0)
D(D0) - Z(b0) - M(e0), und wieder von vorn.

Ich bin begeistert, das scheint einfach. Es erfordert zumindest keine widernatürlichen Fingerverrenkungen wie manche Barré-Griffe oder das Spreizen über 4 Bünde.

Ist aber dann doch nicht so einfach, wenn man es einigermaßen flüssig spielen will (und nur dann klingt es so wie es soll). Und nahezu unerreichbar (für mich) wird es, wenn die Bass-Saite wechselt: Beginnend mit der A-Saite, dann D, dann g ...

Gut, ich habe schon früh gelernt: Alles braucht seine Zeit, man muß üben, üben, üben ... Und ich weiß auch: Laaangsam anfangen, um den Griff in das "innere Gedächtnis" zu bekommen. Im englischen haben sie dafür den schönen Begriff: "second nature". Ja, man muß den Griff, die Fingerbewegung, den Ablauf zu seiner "zweiten Natur" machen, zu etwas, das vollautomatisch abläuft, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Also übe ich stur und verbissen diese o.a. Finger-Abfolge, jeden Tag, ununterbrochen 5 Minuten. Nach weniger als 1 Minute nimmt mein Spiel eine gewisse Flüssigkeit an, prima, denke ich. Aber nach zwei weiteren Minuten treffen die Finger immer öfter die falsche Saite oder ich vergesse ganz, den Mittelfinger auch noch zu zupfen. Gut, also weiterüben, am nächsten Tag. Und auch am übernächsten. Und die ganze Woche.

Nun mache ich das schon über zwei Wochen so, aber bin immer noch weit entfernt von dieser "second nature". Was mich am meisten demotiviert: Jeden Tag aufs Neue muß ich erst wieder Anlauf nehmen, meine Finger sortieren und mich eine halbe Minute "einspielen", bevor ich überhaupt nur einen Zyklus fehlerfrei hinkriege.

Also deswegen meine im Betreff gestellte Frage: Bin ich einfach untalentiert, lerne ich das nie? Oder wie lange braucht ein "durchschnittlich" begabter Anfänger (nach 4 Jahren), um ein wirklich einfaches Zupfmuster ins innere Fingergedächtnis zu kriegen?

Ich bitte um frank & freie Meinungsäußerungen, auch wenn sie für mich brutal ausfallen sollten ... :-)

Danke,
Don Lucio.
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sunset
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Re: Lerne ich das eigentlich nie?!

von sunset » 22.04.2016, 19:13

Don Lucio hat geschrieben:Aber nach zwei weiteren Minuten treffen die Finger immer öfter die falsche Saite oder ich vergesse ganz, den Mittelfinger auch noch zu zupfen.

Spätestens jetzt solltest du eine kurze Pause machen, bewusst die Finger spüren, entspannen und dann erst weiterüben. Teile die Übung auch auf, übe z.B. nur Daumen und Zeigefinger bzw. nur Daumen und Mittelfinger abwechselnd zu spielen.

Vor allem der "springende" Daumen macht vielen Leuten anfangs Probleme, also solltest du auch das eine Zeit lang getrennt üben, nimm dabei zunächst ruhig die Augen zuhilfe, dann versuchst du es ohne hinsehen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche "Wegstrecke" der Daumen von der einen zur anderen Saite benötigt.

Nur Geduld, das wird schon. Ich habe den Reinhard Mey - Zupf seinerzeit ca. 3 Monate lang in absoluter Zeitlupe geübt und dann von einem Moment auf den anderen sehr schnell und flüssig spielen können ;)

lg
sunset

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Don Lucio
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Re: Lerne ich das eigentlich nie?!

von Don Lucio » 22.04.2016, 19:38

Danke, sunset, werde deine Tipps beherzigen. Hilfreich finde ich vor allem deine "3 Monate" ... das motiviert mich wieder und läßt mich hoffen, dass zumindest meine zwei Wochen vielleicht nicht wirklich ausreichend waren. :-)
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slowmover
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Re: Lerne ich das eigentlich nie?!

von slowmover » 22.04.2016, 21:09

Ich erwische mich auch häufig dabei, dass ich beim üben zu schnell bin. Je sinniger man zu Anfang die Abläufe ins mechanische Gedächtnis programmiert, desto leichter fällt es hinterher, das Ganze flüssig zu bekommen.
Und üb nicht zu viele Pickingmuster. Wenn Du zu Anfang nur 2 Muster für alle Deine Songs benutzt, ist das mehr als genug. Dieser klick, nach ein paar Monaten, von dem Sunset sprach, ist halt der Automatismus, der dann passiert. Aber Du schriebst mal, dass Du einige Gitarrenkumpels hast.
Können die das den besser?

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Re: Lerne ich das eigentlich nie?!

von HolgerB64 » 22.04.2016, 21:19

Servus Don Lucio,

ja das macht mir Mut. Ich spiele noch zig Stufen unter dir. Ich versuche mich auch am Fingerpicking, aber es geht nur langsam. Deine Probleme machen mir Mut. Kurze Pausen und wieder von vorn, ist aus meiner Sicht ein guter Weg.

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Re: Lerne ich das eigentlich nie?!

von Don Lucio » 23.04.2016, 12:56

slowmover hat geschrieben:Aber Du schriebst mal, dass Du einige Gitarrenkumpels hast.
Können die das den besser?

Im engeren Kreis habe ich nur einen, und ja, der kann's besser. Aber der ist 70 und spielt Gitarre seit seinem 14. Lebensjahr ... Und ich mache wohl unbewußt den Fehler, mir ihn und sein Lerntempo als Vorbild zu nehmen. Sein Problem ist aber, wie wohl bei den meisten Long-Time-Professionals, dass sie sich nicht mehr hineinversetzen können in Menschen, die nicht diese Grifftechniken schon quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Insofern bin ich froh & dankbar für den Hinweis, dass anderer Leute Zeiträume fürs Lernen sich auch nach Monaten bemessen und nicht nach Wochen.

Also ich hab jetzt begriffen: Nicht aufgeben, es wird schon ... irgendwann ... :D
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